Kirche und Sekte

- aus der Konfessionskunde von Konrad Algermissen -
(Kirche zum Mitreden, 28.10.2003)
[PRHL] Die nachfolgenden Passagen entstammen dem Buch von Konrad Algermissen, Konfessionskunde [vormals: "Christliche Sekten und Kirche Christi], Hannover (4)1930. Diese Konfessionskunde ist ein absolutes Standardwerk für die schnelle und zuverlässige Informationssuche über akatholische Gemeinschaften. Wenngleich Algermissen heutzutage in Vergessenheit gedrängt wurde (innerhalb unseres gesamten V2-Studiums wurde uns noch nicht einmal sein Name genannt!), ist er KzM-Lesern ein Begriff, s. z.B. den Holocaust-Mythus-Text. Der V2-"Bischof von Fulda" heißt Heinz Josef Algermissen, er ist KzM-Lesern u.a. als "Donum-vitae"-"Akzeptierer" bekannt (s. Nachrichten v. 26.09.2001), und wie kürzlich berichtet wurde, finanzieren 15 der 26 deutschen "Bischöfe" diesen Verein zur "Schwangerenkonfliktberatung" (also zur Ausstellung von Mörderscheinen) über private Fördergelder.
Doch bleiben wir bei Konrad Algermissen. Er vertritt - wie übrigens auch wir - die katholische Beurteilung der Sekte. Kernaspekte einer Sekte sind die Loslösung von
- den Dogmen;
- der kirchlichen Hierarchie.
Im allgemeinen Sinne sind Sekten "jene Sondergruppen, die sich durch falsche Lehren, wie auch jene, die sich durch Ablehnung der kirchlichen Hierarchie von der Kirche getrennt haben". Die V2-Sekte schwelgt in Häresien (s. connis Credo) und folgt Scheinpäpsten.

Als tiefsten Grundzug der Sekte nennt Algermissen ihren individualistischen Charakter, der dem universalen, katholischen Charakter der Kirche widerspricht. Die wahre Kirche ist nicht eine Kirche unter (gleichwertigen) mehreren, cf. den Katechismus von Piux X. (s. Der Begriff "römisch-katholisch"):
Nr. 105: "Die Kirche ist die Gemeinschaft aller Menschen, die getauft sind, an Jesus Christus glauben, Seine Lehre befolgen, Seine Sakramente empfangen und mit dem Heiligen Vater geeint sind."
Nr. 113: "Der Papst ist der Nachfolger des hl. Petrus auf dem Bischofsstuhl von Rom und Primat im universalen Apostolat und Episkopat; also das sichtbare Oberhaupt, der Stellvertreter Jesu Christi (des sichtbaren Oberhauptes) der ganzen Kirche, die darum Römisch-Katholisch genannt wird."
Nr. 117: "Keine >Kirche< außerhalb der Römisch-Katholischen kann die Kirche Jesu Christi sein und auch nicht ein Teil von ihr, weil sie mit dieser die einzelnen Unterscheidungsmerkmale nicht gemeinsam haben kann, die Einigkeit, Heiligkeit, Katholizität und Apostolizität, wie sie auch tatsächlich keine der anderen >Kirchen< hat, die sich christlich nennen."
Außer dem allgemeinen Sektenbegriff ("jene Sondergruppen, die sich durch falsche Lehren, wie auch jene, die sich durch Ablehnung der kirchlichen Hierarchie von der Kirche getrennt haben") gibt es auch noch einen speziellen, der gerade diesen individualistischen, elitären Charakter hervorhebt. Die eigentlichen Sekten tragen als Wesenszüge v.a. einen "donatistischen Kirchenbegriff", ferner "ethischen Rigorismus" und "hochmütigen Fanatismus" (Algermissen 30). Der donatistische Kirchenbegriff ist in der V2-Sekte enorm stark ausgeprägt und strahlt regelrecht davon aus (s. auch den FireDancer). "Hochmütiger Fanatismus" ist ebenfalls ein unüberschaubares Merkmal der V2-Sekte, das sich in dem zutiefst ehrverletzenden Benehmen gegenüber katholischen Klerikern widerspiegelt und sich wesentlich aus Lügen legitimiert (s. konkret kath.de, allgemein die Predigt vom 19.10.2003). Bei dem "ethischen Rigorismus" der V2-Sekte fällt aber weniger die Sittenstrenge als vielmehr die Sittenlosigkeit auf, die sich u.a. in exzessiver Kinderschändung und sodomitischer Unzucht manifestiert und dementsprechend zur faktischen Abschaffung etwa des Fastengebotes geführt hat: Böse ist nun der, der noch an den Geboten Gottes und der Kirche festhält. Bevor man meint, es wäre ja wohl ein Widerspruch, nach außen hin hohe ethische Forderungen zu stellen und sich selbst als ethisches Vorbild zu präsentieren, in Wahrheit aber moralisch degeneriert zu sein: Wer hat behauptet, im Leben eines Menschen könne es keine Widersprüche zwischen Worten und Taten, zwischen Schein und Sein geben? Man lese ferner die Worte Jesu zu den Pharisäern: "Weh euch, ihr Schriftgelehrten und Pharisäer, ihr Heuchler! Ihr gleicht übertünchten Gräbern. Von außen sehen sie zwar schön aus, inwendig aber sind sie voll von Totengebein und allem Unrat. So erscheint auch ihr äußerlich gerecht vor den Menschen, inwendig aber seid ihr voll Heuchelei und Schlechtigkeit. Weh euch, ihr Schriftgelehrten und Pharisäer, ihr Heuchler! Ihr baut den Propheten Grabstätten und schmückt die Denkmäler der Gerechten und sagt: Hätten wir in den Tagen unserer Väter gelebt, so hätten wir uns an dem Blute der Propheten nicht mitschuldig gemacht. Damit bezeugt ihr selbst, daß ihr die Söhne von Prophetenmördern seid.  So macht ihr das Maß eurer Väter voll. Ihr Schlangen- und Natterngezücht, wie wollt ihr der Verurteilung zur Hölle entrinnen? Darum seht, ich sende zu euch Propheten, Weise und Schriftgelehrte. Die einen von ihnen werdet ihr töten und kreuzigen, die ändern in euren Synagogen geißeln und von Stadt zu Stadt verfolgen. So soll über euch kommen alles gerechte Blut, das auf Erden vergossen ward, vom Blute des gerechten Abel angefangen bis zum Blute des Zacharias, des Sohnes des Barachias, den ihr ermordet habt zwischen dem Tempel und dem Altare" (Mt 23,27-36).

Übrigens hat die V2-Sekte im Gegensatz zur katholischen Kirche keinen universalen Anspruch, sondern ist "ökumenisch". Nostra Aetate und Unitatis Redintegratio sind das ideologische Fundament etwa für die "gemeinsame Rechtfertigungslehre" und das Verbot der Judenmission.

Wichtig ist auch Algermissens Hinweis auf die Unzlänglichkeit eines staatlichen Sektenbegriffs: Heute hört in liest man immer wieder von "den beiden großen Kirchen" ("evangelische" und "katholische" "Kirche"), die dann obendrein noch "Sektenbeauftragte" als Kollaborateure beim Staat herumhocken haben. Fakt ist, dass diese "Sektenbeauftragten" selber Sektierer sind und der deutsche Staat den Bürgern ein pervertiertes "christliches" Bekenntnis aufzwingt, etwa, dass connis Credo das Glaubensbekenntnis der römisch-katholischen Kirche sei. Deutschland ist also fest in der Hand von Über-Nazis (s. Mein Kampf). Die beständige Propaganda der V2-Sekte und ihrer Komplizen bzgl. des Namensrechts ("der Staat entscheidet, wer oder was katholisch ist") ist häretisch und ein abscheuliches Verbrechen. Um einmal mehr zu beweisen, dass der deutsche Staat ganz bewusst rigoros verbrecherisch handelt, wird dieser Text per Fax geschickt an:
- das Völkermordinstitut "Landgericht Bonn", Wilhelmstr. 21-23, z. H. dilger, 53111 Bonn, Fax: 0228 / 702- 1600;
- Staatskanzlei NRW, Stadttor 1, 40190 Düsseldorf, Fax: 0211 / 837 - 1150;
- Generalstaatsanwaltschaft in Köln, Reichenspergerplatz 1, 50670 Köln, Fax: 0221 / 7711 - 418.
Der Staat wird mit seinem antichristlichen Treiben im Endeffekt restlos scheitern. Wir empfehlen ihm dringend, zu kapitulieren, bevor es zu spät ist.

Zum Wesen der Kirche gehört die Kontinuität ihrer Lehre - letztlich entstammt alles, was sie glaubt und tut, dem apostolischen Zeitalter. Mit Tradition kann die V2-Sekte allerdings überhaupt nichts anfangen, ganz im Gegenteil, dort wird Kontinuität zur apostolischen Lehre als unzulässige Verengung, ja als Irrtum und Verbrechen verurteilt. Die Apostel werden als die schlimmsten Lügner hingestellt, die aus dem "historischen Jesus" den "kerygmatischen Christus" gemacht haben (s. den Apostaten-Katechismus). Die ärgsten Zerstörer des Traditionsbewusstseins wurden von Wojtyla dafür ganz besonders belohnt, z.B. Walter Kasper und Karl Lehmann. Wojtyla selbst ist aber der allerschlimmste - er ist fürwahr der Diener der Diener Satans. Bekanntlich schwärmt er unentwegt von einem "neuen Pfingsten", und in "Ecclesia Dei" sinniert er: "Die Breite und Tiefe der Lehren des Zweiten Vatikanischen Konzils machen nämlich neue und vertiefte Untersuchungen notwendig, in denen die Kontinuität des Konzils mit der Tradition klar hervorgehoben wird, vornehmlich in jenen Bereichen der Lehre, die, weil sie vielleicht neu sind, von einigen Teilgruppen der Kirche noch nicht recht verstanden wurden."
Weswegen ist es notwendig, die "Kontinuität" zwischen V2-Texten und kirchlichen Texten extra aufzuzeigen? Weil sie nicht besteht und man den "Konservativen" diese Kontinuität vorgaukeln muss. Wie kann überhaupt Kontinuität zwischen traditioneller und "vielleicht neuer" Lehre bestehen? Gar nicht.

Das nach heutiger Ansicht wichtigste, ja letzlich alles entscheidende Merkmal der wahren Kirche fehlt allerdings in den kirchlichen Texten und in den Ausführungen von Algermissen: Die Mehrheit. Was wahr ist, setzt sich durch (cf. Sven Stemmildt); das ist zwar das heutige Super-Dogma, findet aber keine Stütze in der kirchlichen Lehre, ist also - und nicht nur vielleicht - "neu". Die Kirche feiert heute das Fest der Apostel Simon und Judas Thaddäus, die beide als Märtyrer starben. Das heutige Evangelium lautet:


In jener Zeit sprach Jesus zu Seinen Jüngern: «Das ist Mein Gebot, daß ihr einander liebet. Wenn euch die Welt haßt, so wisset, daß sie Mich vor euch gehaßt hat. Wäret ihr von der Welt, so würde die Welt das Ihrige lieben; weil ihr aber nicht von der Welt seid, sondern Ich euch von der Welt auserwählt habe, darum haßt euch die Welt. Denket an das Wort, das Ich zu euch gesprochen habe: Der Knecht ist nicht größer als sein Herr. Haben sie Mich verfolgt, so werden sie auch euch verfolgen; haben sie Mein Wort gehalten, so werden sie auch das eurige halten. Aber dies alles werden sie euch antun um Meines Namens willen; denn sie kennen Den nicht, der Mich gesandt hat. Wäre Ich nicht gekommen und hätte Ich nicht zu ihnen geredet, hätten sie keine Sünde; nun aber haben sie keine Entschuldigung für ihre Sünde. Wer Mich haßt, der haßt auch Meinen Vater. Hätte Ich nicht die Werke unter ihnen vollbracht, die kein anderer vollbracht hat, so hätten sie keine Sünde; nun aber haben sie [die Werke] gesehen und hassen dennoch Mich und Meinen Vater. Allein [so mußte es kommen]: es muß das Wort erfüllt werden, das in ihrem Gesetze geschrieben steht: Sie hassen Mich ohne Grund.»


 

K. Algermissen, Konfessionskunde, Hannover (4)1930


(22-25. 28f)

Begriffsbestimmung der Sekte.

Jede religiöse Gemeinschaft, die unter Anerkennung der Bibel als der von Gott geoffenbarten Wahrheitsquelle und im Glauben an Christus als christlich angesehen werden kann, aber in ihren Wesenszügen von dem Begriff der einen wahren Kirche abweicht, ist als christliche Sekte in des Wortes allgemeiner Bedeutung zu bezeichnen. Das Wort Sekte stammt vom lateinischen secta, ae f. (von sequor, secutus sum 3. = folgen, Folge leisten, sich an etwas anschließen, jemandes Partei ergreifen) und bedeutet ursprünglich soviel wie Weg, Richtung, Denk- und Handlungsweise und weiterhin die politische Partei oder die philosophische Schule, der man sich anschließt (alicuius sectam sequi) [FN: Vgl. Menge-Güthling, Lateinisch-deutsches Wörterbuch (Berlin.Schöneberg, 6. Aufl. o J.)]. In diesem Sinne wird das Wort schon in der römischen Literatur vor Christus gebraucht. Die Vulgata wendet es dann auch auf die religiöse Richtung an, die jemand erwählt hat, ohne damit zunächst etwas Tadelndes zu verbinden [FN: z. B. Apgsch. 26, 5.]. In den Apostelbriefen aber wird das Wort Sekte bereits in dem tadelnden Sinn der Rottenbildung innerhalb der christlichen Gemeinde gebraucht [FN: So Gal. 5, 20 u. 2. Petr. 2, 1.]. Diese Wortbedeutung ist dann in den kirchlichen Gebrauch übergegangen. Sekte bedeutet danach jede auf religiösem Individualismus beruhende kirchliche Sonderrichtung, die der Wahrheit und Einheit der einen wahren Kirche widerstreitet und als Sondergruppe ihr eigenes Dasein und Leben führt.
Eine ganz ähnliche Entwicklung hat das ursprünglich mit dem Begriff Sekte gleichbedeutende Wort Häresie durchgemacht. Dieses Wort, das aus dem Griechischen hairesis (von hairoumai) stammt, bedeutet zunächst das Erwählte, die erwählte Lebensrichtung, die politische, religiöse Parteirichtung, bekommt aber auch bald im kirchlichen Sprachgebrauch den tadelnden Beigeschmack der religiösen Sonderrichtung. Später wurde dann das Wort Häresie ausschließlich für jene religiösen Sondergruppen gebraucht, die sich durch falsche Lehren von der wahren Kirche trennten, während man diejenigen Sondergruppen, die sich durch Ablehnung der kirchlichen Hierarchie von der Einheit der Kirche loslösten, als Schisma bezeichnete [FN: Inter haeresim et schisma hoc arbitror interesse, quod haeresis perversum dogma habeat, Schisma autem quod ab Ecclesia separet [Meines Erachtens besteht zwischen Häresie und Schisma der Unterschied darin, dass die Häresie eine irrige Lehre enthält, während durch das Schisma die Trennung von der Kirche vollzogen wird]. (S. Hieran, Super Epist, ad Tit., cap. XXVI, in illud :Haereticum hominem.). Im Vergleich zu dieser Bedeutung der Worte Häresie und Schisma stellt das Wort Sekte den umfassenden Begriff dar und bezeichnet sowohl jene Sondergruppen, die sich durch falsche Lehren, wie auch jene, die sich durch Ablehnung der kirchlichen Hierarchie von der Kirche getrennt haben. In diesem Sinn verwirklichen alle christlichen Gemeinschaften, die außerhalb der einen wahren Kirche selbständig ihr Sonderdasein führen, den Begriff der Sekte.
Während nun die beiden Worte Häresie und Schisma die oben gekennzeichnete Bedeutung bis heute beibehalten haben, hat der Begriff Sekte eine weitere Wandlung durchgemacht. Es ist für das Verständnis unserer Darlegungen notwendig, den heutigen Begriff der Sekte klar und deutlich zu fassen.
Abzulehnen ist zunächst der von manchen Schriftstellern gemachte Versuch, vom formal-juristischen Standpunkt zur Wesensbestimmung der Sekte zu kommen und als Sekten alle jene christlichen Gemeinschaften zu bezeichnen, die rechtlich nicht als Staats- oder Landeskirchen gelten. Eine derartige Begriffsbestimmung bleibt rein äußerlich und dringt zum Wesen der Sache nicht vor. Eine christliche Gemeinschaft kann heute in einem Lande als staatskirchlich gelten, die durch veränderte politische Verhältnisse bereits morgen diesen Charakter verliert. So galten im Deutschen Reich bis 1919 die im Westfälischen Frieden "anerkannten Konfessionen" der evangelisch-lutherischen, der reformierten und der römisch-katholischen Kirche als Landeskirchen, während der heutige deutsche Staat solche privilegierten Landeskirchen grundsätzlich nicht mehr kennt. Artikel 137 der deutschen Reichsverfassung vom 11. August 1919 bestimmt: "Es besteht keine Staatskirche. Jede Religionsgemeinschaft ordnet und verwaltet ihre Angelegenheiten selbständig. Ändern Religionsgesellschaften (als den bisher "anerkannten Konfessionen") sind auf ihren Antrag gleiche Rechte zu gewähren, wenn sie durch ihre Verfassung und die Zahl ihrer Mitglieder die Gewähr der Dauer bieten." Wenn nun auch trotz dieser grundsätzlichen Gleichstellung aller lebenskräftigen religiösen Denominationen in Deutschland tatsächlich noch gewisse Überreste des früheren Verhältnisses des Staates zu den drei privilegierten Konfessionen geblieben sind, z. B. hinsichtlich der Finanzverwaltung, des Religionsunterrichtes in den staatlichen Schulen, der theologischen Fakultäten an den staatlichen Universitäten, so liegen in Ländern, die eine andere geschichtliche Entwicklung hinter sich haben, die Verhältnisse wiederum ganz anders. Die Vereinigten Staaten von Amerika kennen weder grundsätzlich noch praktisch den Begriff der Staatskirche. Alle religiösen Gemeinschaften sind dort rechtlich ganz und gar gleichwertig. Ganz andere rechtliche Bestimmungen bestehen wieder in verschiedenen überwiegend katholischen Ländern, so daß man tatsächlich vom formal-rechtlichen Standpunkt zu keiner Begriffsbestimmung der Sekte kommen kann.
Mir scheint, daß man zu einer klaren Bestimmung des heutigen Begriffs der Sekte nur dann gelangt, wenn man ausgeht von den letzten und tiefsten Wesenszügen des Sektenbegriffes in jenem allgemeinen Sinne, den wir vorhin besprochen haben. Dieser tiefste Grundzug der Sekte im allgemeinen Sinn ist ihr individualistischer Charakter, der letzthin die Ursache bildet, weshalb die Sekte zu einer selbständigen Sondergruppe außerhalb der wahren Kirche wurde. In diesem Sinne sind, wie wir oben gesehen haben, alle christlichen Gemeinschaften, die außerhalb der wahren Kirche als selbständige Bewegungen existieren, als christliche Sekten zu bezeichnen. Wenn nun dieses individualistische Sonderstreben nicht nur zum Ausgang und Ursprung einer neuen religiösen Gemeinschaft wird, sondern auch zu deren letzter Zielsetzung, d. h. wenn diese neue religiöse Sondergruppe ihr eigentliches Wesen darin sieht, als Sondergruppe von Freiwilligen, von "Auserwählten", sich dem Universalismus der Kirche entgegenzustellen, dann haben wir das eigentliche Wesensgepräge der Sekte im heutigen Sinn. Alle übrigen charakteristischen Merkmale hängen hiervon ab.
Die wahre Kirche will Menschheitskirche sein. Wie Christus nicht nur für einzelne Menschenseelen, sondern für die gesamte Menschheit am Kreuze gestorben ist und die zur Seligkeit notwendigen Gnaden allen Menschen ohne Ausnahme verdient hat, so will auch die Kirche als der auf Erden fortlebende Christus nicht nur einzelne, sondern alle Menschenseelen retten und zum Himmel führen [Mt. 28, 19; MC. 16, 16.]. Das Streben der Kirche geht aus ihrem Wesen heraus notwendig auf die ganze Menschheit. Ihr Grundcharakter ist der religiöse Universalismus, der so weit reicht wie die Erlösungstat Christi. Die wahre Kirche Christi ist Massenkirche. Sie ist Volkskirche — nicht im engbegrenzten Sinn der Nationalkirche, sondern in dem Sinn, daß sie nicht einzelne Menschen, nicht einzelne Gruppen und Stände eines Volkes, sondern die gesamte Volksmasse aller Nationen zu erfassen und zu umfassen sucht. Sie ist Volkskirche auch in dem Sinn, daß sie sich ihrer erzieherischen Aufgabe am Volk und an allen Völkern bewußt ist. Sie will die große Erzieherin der Völker der Gesamtmenschheit sein, will das Gemeinschaftsleben der Völker, all ihr kulturelles Arbeiten mit der Geisteswelt Christi durchdringen. Deshalb ist die wahre Kirche kulturfreundlich, lebensnahe, kulturfördernd eingestellt. [...]
Es gibt christliche Gemeinschaften, die als Sondergruppen größeren oder kleineren Umfangs außerhalb der einen wahren Kirche bestehen, aber in ihrem gesamten Streben als Massenkirchen eingestellt und sich bewußt sind, daß sie eine erzieherische Aufgabe an der Menschheit zu erfüllen haben. Diese christlichen Gemeinschaften haben gegenüber den oben beschriebenen Sekten den Drang auf die gesamte Volksmasse hin. Sie nehmen deshalb bereits die kleinen Kinder ihrer Mitglieder durch die Taufe in ihren Schoß auf. Nicht einzelne Erwachsene treten ihnen als Freiwillige bei; sondern die Masse des Volkes wird gleichsam in sie hineingeboren. Diese christlichen Gemeinschaften haben mit der wahren Kirche deren Universalismus in ihrer Zielsetzung grundsätzlich gemeinsam und unterscheiden sich dadurch von jenen Gruppen, die wir als Sekten im eigentlichen Sinn bezeichnen. Man wird die erwähnten Gemeinschaften wegen ihres Strebens zur ganzen Masse des Volkes hin am besten als Massen- oder Volkskirchen bezeichnen und denjenigen Gruppen, die sich wiederum aus ihnen als eigene selbständige, vom Staate unabhängige Sonderkirchen mit eigener Verfassung entwickelt haben, den Namen "Freikirchen" geben [FN: Das Wort "Freikirche" wird im Gegensatz zur Staatskirche gebraucht und bezeichnet diejenigen aus den Volkskirchen entstandenen selbständigen Gruppen, die sich unabhängig vom Staat ihre eigene Verfassung, Organisation und religiöse Satzung geben, ihre eigenen, von jeder staatlichen Rücksichtnahme freien Vorschriften über die Erfordernisse zum geistlichen Amt erlassen und auf jegliche moralische und finanzielle Beihilfe seitens des Staates verzichten. Soweit solche Gruppen wesenhaft die Züge der Volkskirche beibehalten, stehen sie religionswissenschartlich mit ihr auf gleicher Stufe, Sobald sie mit ihrem freiheitlichen Streben auch das Freiwilligkeitsprinzip verbinden, nehmen sie ein Wesensmerkmal der Sekte an und verdienen religionswissenschaftlich nicht mehr die Bezeichnung als Kirche, weil sie deren grundsätzlichen Universalismus ablehnen. Doch ist der gewöhnliche Sprachgebrauch in dieser Hinsicht immer unwissenschaftlicher geworden. In Deutschland haben sich 1926 die Baptisten, Methodisten, Evangelische Gemeinschaft und der Bund freier evangelischer Gemeinden zu einer "Vereinigung evangelischer Freikirchen in Deutschland" zusammengeschlossen. In Schneiders "Kirchlichem Jahrbuch für die evangelischen Landeskirchen Deutschlands" füngieren unter der Rubrik "Sonstige Freikirchen" auch die Neuapostolische Gemeinde und die Siebenten-Tags-Adventisten.]
Zwischen den oben charakterisierten eigentlichen Sekten und den als Volks- und Freikirchen bezeichneten Gemeinschaften gibt es zahlreiche Zwischenglieder und Spielarten, die gewisse wesentliche Merkmale der Sekte an sich tragen, in anderen aber wiederum den Volks- oder Freikirchen ähnlich sind. Es geschieht auch, daß Sondergruppen in der ersten Zeit ihrer Geschichte, wo sie erst wenige Mitglieder zählen und deshalb gezwungen sind, sich mit Aufbietung aller Kräfte zu behaupten, den eigentlichen Sektentyp sehr stark offenbaren, aber bei fortschreitendem Wachstum die Eigenarten der Sekte mehr und mehr ablegen und den Charakter der Volkskirche annehmen.

(59 - 61)

Das kirchliche Dogma und seine Entwicklung.

Was die unfehlbare Kirche Christi ihren Gläubigen als geistige Mutter, gestützt auf Schrift und Überlieferung, zu glauben vorlegt, bezeichnen wir als Dogma. Unter Dogma verstehen wir mithin eine religiöse Wahrheit, die von Gott geoffenbart ist und von der Kirche als Offenbarungslehre zu glauben geboten wird. Im Dogma drückt die geistige Mutter eine Wahrheit, die sie vom himmlischen Vater empfangen hat, ihren Kindern aus in deren Worten und Sprache. Das Dogma ist, äußerlich betrachtet, die begriffliche Formulierung einer religiösen Wahrheit. In ihm lebt und flutet der Geist Gottes.
Die Offenbarung Gottes an die Menschheit, soweit sie allgemeine Heilswahrheiten betrifft, ist abgeschlossen mit dem Tode des letzten Apostels. In irgendeiner Weise muß also alles, was die Kirche im Laufe der Jahrhunderte ihren Gläubigen zu glauben.vorlegt, bereits in der Lehre des apostolischen Zeitalters enthalten sein. Der Inhalt dessen, was Gott der Menschheit zu ihrem Heile geoffenbart hat, bleibt seitdem derselbe. Aber durch das Vergleichen der einzelnen geoffenbarten Wahrheiten miteinander, durch das Erforschen der inneren Zusammenhänge, die diese Wahrheiten als Ideen desselben Gottes untereinander haben, durch die spekulative, vernunftgemäße Durchdringung des Offenbarungsinhalts wird dessen Erkenntnis immer weiter und tiefer, sodaß die Kirche die Möglichkeit hat, vom Gottesgeist erleuchtet, eine stets reichere begriffliche Formulierung der geoffenbarten Wahrheiten in Form dogmatischer Lehrsätze der Menschheit zu verkünden.
Es ist gerade für die Behandlung der Sektengeschichte außerordentlich wichtig, die dargelegte Wahrheit von der Dogmenentwicklung klar vor Augen zu haben. Immer wieder stehen Sekten auf und gewinnen Anhänger mit der Behauptung, sie hätten in Glaube, Sitte, Gottesdienst und Verfassung die reine Form der Urkirche wiederhergestellt. Alle solche Sekten bedenken nicht, daß sie durch ihre Behauptung Christus der Lüge oder des Irrtums zeihen, der verkündet hat, daß er alle Tage bei seiner Kirche sein werde bis ans Ende der Welt, daß der Geist der Wahrheit von seiner Kirche nie weichen, die Macht der Hölle sie nie überwältigen werde, daß deshalb auch von einer wesentlichen Verfälschung und daraus sich ergebenden notwendigen Wiederherstellung des ursprünglichen reinen Christentums keine Rede sein kann. Alle diese Sekten beachten nicht, daß Christus in seiner Kirche lebt, daß die Kirche der lebendige, mystische Leib Jesu Christi ist, daß von Christus als dem Haupt das Leben ausströmt in seine ganze Kirche zu allen Zeiten, daß deshalb auch der ganze Organismus der Kirche ein wahres, wirkliches, lebendiges Wachstum zeigen muß. Weil Christus weiterlebt in seiner Kirche, wird die Fülle des Glaubensinhaltes sich immer reicher entfalten, die Durchdringung und praktische Anwendung desselben stetig zunehmen. Ähnlich geht es im Kultus und im Gebetsleben. Bei allem Sichgleichbleiben des Wesensgehaltes wird der in der Kirche lebendige Christus immer neue Knospen und Blüten, immer neue schöne Formen und Gestalten treiben. Sowie eine vierbändige Dogmatik von Scheeben umfangreicher ist als das älteste Glaubensbekenntnis der Urgemeinde und ihm äußerlich nur wenig ähnlich sieht, so ist auch eine heilige Messe unserer Tage oder gar ein Pontifikalamt formenreicher als das "Brotbrechen" der Urgemeinde. Und ein Gläubiger der ersten Gemeinde von Jerusalem würde einen Rosenkranz oder eine Fronleichnamsprozession wohl zunächst mit verständnislosem Blick betrachten. Doch gar bald würde er das seinem Glauben Wesensgleiche herausfinden. Er würde voll Freude erkennen, daß der Rosenkranz eine lebendige Verwirklichung des Schriftwortes ist: "Von nun an werden mich selig preisen alle Geschlechter", und er würde gar bald niedersinken vor dem in der Monstranz der Fronleichnamsprozession unter Brotgestalt verborgenen Heiland und ihn anbeten als seinen Gott. Er würde gar bald erkennen, daß eine katholische Dogmatik unserer Tage nichts anderes ist als das Glaubensbekenntnis der Urgemeinde. Er würde im heiligen Meßopfer die Wesenselemente des Letzten Abendmahls und des "Brotbrechens" der alten Kirche: Opferung, Wandlung und Kommunion, wiederfinden, umrahmt von einem Blütenkranze herrlicher Gebete und religiöser Handlungen. Er würde erkennen, daß die Spendung der sieben Sakramente in der katholischen Kirche heute dieselbe ist wie zu seiner Zeit, nur glänzender umrahmt, formenreicher, farbenprächtiger.
In alledem würde er das Wirken und Walten Jesu Christi erkennen, der immerwährend lebendig ist in seiner Kirche. Er bewirkt ihr äußeres Wachstum, daß sie vom Samenkörnlein zum gewaltigen Baum wird, der äußerlich dem Samenkörnlein so unähnlich und doch wirklich nur die lebendige Entfaltung desselben ist. Er bewirkt ihr inneres Wachstum in Glaubenserkenntnis und Gottesdienst. Weil Christus in seiner Kirche lebendig ist, treibt der Baum der Kirche immer neue Zweige und Blüten und Knospen. Ein im chemischen Laboratorium hergestelltes Samenkörnchen sieht äußerlich einem wirklichen, natürlichen Samenkorn ähnlicher als der lebendige, blühende, fruchttragende Baum, der aus diesem Samenkorn erwachsen ist. Und doch ist jenes ihm wesensfremd, der Baum ihm wesensgleich. So sieht manche Sekte dem ursprünglichen Christentum äußerlich ähnlicher als die katholische Kirche. Aber es ist nur Schein, toter, kalter Schatten. In der katholischen Kirche lebt, webt und wirkt Christus vom Anfang bis zum Ende der Tage. Das Samenkorn ist zum Baum geworden, in dessen Zweigen die Vögel des Himmels wohnen.

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